Wieder einmal meisterhaft: Thomas Freitags neues Kabarett-Solo bei den Academixern

VON STEFFEN GEORGI

Die Europahymne klingt blechern nach dem Autocrash, der nicht nur für Blechschaden sorgte, sondern auch den EU-Bürokraten Peter Rübenbauer aus dem Kreisverkehr seines Lebens katapultierte. Hin zu jener Endhaltestelle in irgendeinem Nirwana, wo der konsternierte Mann nicht nur versucht über seinen momentanen Seins-Status Klarheit zu erringen, sondern über den Europas gleich mit: „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ heißt das neue Programm von Thomas Freitag. Eine satirische Sinnsuche, die am Donnerstag im ausverkauften Academixer-Keller gastierte.

Thomas Freitag ist Peter Rübenbauer – und als solcher eine Verkörperung in Konsequenz, wenn nicht Vollkommenheit. Der Kabarettist, zu recht berühmt für treffend karikierende Politiker-Imitationen, geht mit dieser Figur über das hinaus, was bloße Parodie oder Persiflage ist. Das freilich ist auch Rübenbauer, aber eben keine bloße Spottschablone, sondern auch tragikomischer Kerl. Einer, in dem sich etwas Wichtiges konturiert: Widersprüchlichkeit, Ambivalenz. Damit lässt sich bestens auch der Blick auf das beschreiben, was Europa einst war, sein sollte und wollte und heute tatsächlich ist. Und was Freitag zum Finale seines Programms noch einmal in einem Monolog komprimiert, der virtuos an der Predigt entlang tänzelt, ohne zur Predigt zu werden, der moralisch insistiert ohne insistierend zu moralisieren. Der emotional und wütend ist – dabei aber eben nicht den Verstand verloren hat. Dass sich nun aber, wie Freitag/Rübenbauer zuvor verrät, diese Form empathischer Emphase maßgeblich einem ominösen Spray verdankt (angereichert mit den Choleriker-Genen Klaus Kinskis), das in irgendwelchen Künstlerbedarf- Hinterzimmern bevorzugt an Kabarettisten verhökert wird, ist eine dieser tückischen Brechungen, dieser reizvollen Ambivalenzen des Programms. Ein Spray als chemische Bombe zum Zünden von Pointen wie auch zum Entfachen jener Wut, die bei Freitag echt wirkt (und wohl auch ist), aber von ihm (seiner Figur) zugleich als rein künstlich behauptet wird: Was für ein cleveres Hakenschlagen vor den Erwartungshaltungen. Was für ein gewollt brüchiger doppelter Boden. Erstklassig!

Dabei ist Freitags Position unmissverständlich. Oscar Wildes berühmter Satz „Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem nur den Preis kennt und von nichts den Wert“ zieht sich wie ein Leitmotiv durch diese Produklion, in der Freitag an genau das zu erinnern versucht: was den Wert Europas ausmacht. Etwas, was freilich auch Herr Rübenbauer weitgehend vergessen hat. Seines Zeichens verantwortlich für die Verbreitung des Kreisverkehrs in der EU, verunglückt der just im Kreisverkehr. Zwischen Tod und Leben, oder, wie es hier so schön heißt, zwischen dem Licht der Ewigkeit und dem einer EU-Energiesparlampe, reflektiert Rübenbauer, wenn auch selbst keine große Leuchte, fortan doch recht erhellend vor sich hin. Wobei erst einmal, das ist ja nur menschlich, zünftig gelästert wird (herrlich: das Oettinger-Bashing), bevor man zu philosophischeren Belangen kommt. Schließlich weiß auch Rübenbauer, dass Europa eine gute Sache ist: „Allerdings hätte man die lieber mit anderen Ländern machen sollen.“ Oder anderen Parteien. Die AfD wolle ja sogar die Grenze zu Österreich schließen, sinniert Rübenbauer und wundert sich, dass es im Weltbild dieser Partei überhaupt eine Grenze zu Österreich gibt. Dergestalt frotzelt sich das Programm in Gang. Freitag versteht sein Handwerk meisterhaft – weshalb beim Warm up auch mal der Gelegenheitskalauer sein darf.

Aber allein am späteren Auftritt etwa eines militanten Protestanten (nur eine der seltsamen Gestalten, die Rübenbauer an seiner Endhaltestelle begegnen) zeigt sich, wie lässig Freitag in den Tonlagen wechseln kann. Ist der vorgeführte „Birkenstockbombengürtel“ noch bester Nonsens, zielt unmittelbar darauf ein Satz wie der, dass auch „Jesus im Christentum schließlich nur eine Einzelmeinung“ sei, in die Tiefe. Ganz klar: im Europa der Gegenwart ist der Heiland kaum mehr als ein nervig weltfremder Gutmensch. Sie ist hier exemplarisch, diese pointierte Vorführung der fatal grassierenden Negation und Aushöhlung dessen, was Europa als Idee – als Wert – konstituiert. Was, soviel Ambivalenz muss hier noch sein, Freitags Programm tatsächlich zu einer wertekonservativen Angelegenheit macht. Im besten Sinne wohlgemerkt.